Grußwort

Von Brigitte Zypries

Bundesministerin für Wirtschaft und Energie

Dunkelkaufhaus Wetzlar

 

Ein Dunkelkaufhaus scheint zunächst ein Widerspruch zu sein, übernimmt doch gerade in Kaufhäusern, in denen Waren „im besten Licht“ präsentiert und an den Kunden gebracht werden sollen, das Licht eine ganz zentrale Funktion. Wir „Sehende“ verlassen also unsere normalen Pfade und zugleich unsere Komfortzone. Wir erleben hier – viele zum ersten Mal – eine fremde Realität, die für Sehbehinderte und Blinde ganz normal ist – und fühlen uns zunächst verunsichert. Doch schon nach kurzer Zeit erleben wir, dass die Dunkelheit unsere übrigen Sinne schärft, vor allem Gehör und Tastsinn, und wir uns vorsichtiger, aber auch aufmerksamer bewegen.

 

Und noch etwas erfahren wir in der Dunkelheit. Wir lernen, dass wir angewiesen sind auf andere und dass wir vertrauen müssen. Menschen mit einer Sehbehinderung sind in ihrem Alltag häufig auf Rücksichtnahme und Unterstützung angewiesen, so selbstständig sie – und hiervor habe ich allergrößte Hochachtung – ihr Leben meistern. Im Dunkelkaufhaus sind wir Sehenden es, die Orientierung durch andere benötigen.

 

Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen, denen wir uns weiterhin mit Nachdruck widmen wollen. In den vergangenen Jahren haben wir bereits eine ganze Menge erreicht. Wir bemühen uns heute viel stärker darum, die Welt aus der Perspektive von Menschen mit Einschränkungen zu sehen.

 

Dazu gehört die Barrierefreiheit im gesamten öffentlichen Raum – auf den Straßen, in allen öffentlichen Gebäuden und auch im Internet. Wie wichtig Barrierefreiheit ist, das wird jeden von uns im Dunkelkaufhaus nachdrücklich vor Augen geführt. Hier treffen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Talenten und Begabungen aufeinander und erleben, dass alle aufeinander angewiesen sind: Inklusion wird hier ganz konkret.

Es sind immer noch große Anstrengungen vonnöten, um Barrierefreiheit überall und für jeden zu verwirklichen. Ich habe mir vor kurzem im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vorführen lassen, wie man Telefondienste zur Kommunikation mit gehörlosen Menschen nutzen kann. Dabei wird eine Sprachverbindung zu einem Gebärdensprachdolmetschdienst aufgebaut, der dann das Gespräch verdolmetscht und eine Videoverbindung zu meinem gehörlosen Gesprächspartner vermittelt. Eigentlich sollte dies heute schon ganz normal sein.

 

Das Dunkelkaufhaus leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass Barrieren – tatsächlicher Art und in den Köpfen – gegenüber Menschen mit Sehbehinderungen abgebaut werden. Und es bereichert Wetzlar um einen ganz besonderen Ort – sozusagen eine „Nicht-Sehens-Würdigkeit“, die hoffentlich viele Besucherinnen und Besucher anziehen wird. Denn wer das Dunkelkaufhaus verlässt, der verlässt es um viele Erfahrungen reicher – und wird hoffentlich danach „mit geschärften Sinnen“ für die Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen durch die Welt gehen. Daher habe ich sehr gerne die Schirmherrschaft für dieses Projekt übernommen,

 

Mein Dank gilt an dieser Stelle den Initiatoren – allen voran Herrn Professor Jürgen Erbach und seinem Partner Herrn Kristof Heil – und allen Beteiligten für Ihr großartiges Engagement. Ich wünsche dem Dunkelkaufhaus weiterhin viel Erfolg und viele neugierige Besucherinnen und Besucher.

 

 

Brigitte Zypries